Naturseifen mit hoher Überfettung - Ein Entwicklungsbericht

Seifen mit einer Überfettung von mehr als 20% werden mir im Shop förmlich aus den Händen gerissen. Bisher gibt es sehr hoch überfettete Seifen bei mir nur saisonal als Limited Editions (Tender Woods  mit 30% Überfettung ist zur Zeit als Winter-Edition aktuell => hier geht es zu den Limited Editions Winter 2018), also habe ich mich entschlossen, auch eine höher als 20% überfettete Seife ganzjährig ins feste Sortiment aufzunehmen - allerdings bleibt die Überfettung von 30% auch weiterhin den Limited Editions vorbehalten ;-)

 

Dazu bedarf es natürlich einiger Überlegungen.

Wie soll die "Neue" denn zusammengesetzt sein?

25% Überfettung soll es sein, außerdem wird es mal wieder Zeit für ein "neues" Öl bei meinen Rezepturen.

Da meine Seifen ja immer als Haut- und Haarseifen konzipiert werden, sollte dieses Öl auch gute Eigenschaften für alle Anwendungsbereiche mitbringen. Ich habe mich deshalb für Traubenkernöl entschieden - ein eher leichtes Öl, das sowohl in Rezepturen für fettige Haut und Mischhaut verwendet wird, aber auch ein sehr schönes Öl für reife Hautzustände ist und sich hervorragend zur Haarpflege eignet. Durch seine Fettsäurenzusammensetzung hält es Haut und Haar elastisch und weich und durch den Gehalt an Lecithin zieht es wunderbar ein ohne fettig "aufzuliegen", außerdem sorgt es verseift für ein paar Pluspunkte bei der Schaumbildung.

Ein paar chemische Hintergründe

Öle und (Pflanzen)Butter enthalten verschiedenen Fettsäuren in unterschiedlichen Zusammensetzungen. Relevant für die Eigenschaften der einzelnen Öle bei der Seifenherstellung sind der Anteil an Ölsäure, Linolsäure, Stearinsäure und Laurinsäure - alle anderen Fettsäuren sind natürlich auch für die pflegenden Eigenschaften der Öle ausschlaggebend, aber diese vier Fettsäuren sind wichtig für die Festigkeit und Wasserbeständigkeit der Seifen und beeinflussen auch das Schaumverhalten.

Die meisten bei Raumtemparatur flüssigen Öle sind entweder ölsäure- oder linolsäurebetont, bei Raumtemperatur feste Öle wie Kokosöl und Babassuöl enthalten hauptsächlich Stearinsäure und die ebenfalls enthaltene Laurinsäure sorgt verseift für zusätzliche Schaumbildung.

Verseifte Öle mit hohem Ölsäure-Anteil ergeben ziemlich feste Seifen, die schaumbildenden Eigenschaften sind aber nicht sehr ausgeprägt - dagegen schäumen verseifte Öle mit hohem Linolsäure-Anteil viel besser und wunderbar cremig, die Seifen werden aber leider oft sehr weich und brauchen eine erheblich längere Reifezeit, damit sie sich bei der Benutzung nicht so schnell verwaschen.

 

Die "Kunst" bei der Entwicklung von Seifenrezepturen ist also nicht nur die Auswahl von Düften, Farben und Mustern, sondern viel mehr die Zusammenstellung der verschiedenen Öle um die positiven Wirkungen der einzelnen Komponenten hervorzuheben und trotzdem eine feste, gut schäumende und wasserbeständige Seife  mit langer Haltbarkeit zu erhalten.

 

Traubenkernöl in der Seife

Traubenkernöl gehört zu den Ölen mit einem hohen Anteil an Linolsäure (ca. 70%) und - wie oben beschrieben - ergibt verseift zwar eine schön schäumende, aber leider sehr weiche Seife, also muss es mit anderen Ölen sinnvoll kombiniert werden. Da ich trotz sehr hoher Überfettung eher milde, leichte Öle verwenden wollte, habe ich mich für eine Kombination mit Aprikosenkernöl, Mandelöl und Babassuöl entschieden...aber trotz allen theoretischen Vorwissens waren die ersten Versuche eine Katastrophe - butterweiche Seife die kaum unfallfrei aus der Form zu lösen war und noch nach vielen Wochen weich wie Knete blieb.

Natürlich hätte ich einfach den Anteil an Traubenkernöl drastisch reduzieren können, aber es kann ja nicht der Sinn der Sache sein, dass ich ein tolles Öl nur im einstelligen Prozentbereich verwende um sagen zu können "mit Traubenkernöl" (dann kann ich es genau so gut weglassen, denn von seinen tollen Eigenschaften bliebe ja nicht mehr viel übrig).

Neue Herangehensweise bei der Produktion

Bei der Seifenherstellung folgt man immer den gleichen Abläufen - in Kurzform zusammengefasst:

Natriumhydroxid wird in einer vorher berechneten Menge Wasser (meistens ca. 30% der Gesamtfettmenge) gelöst und auf Handwärme abgekühlt. Die entstandene Laugenflüssigkeit wird mit den vorher abgewogenen Ölen mit einem Stabmixer zu einer homogenen, fließfähigen Masse verrührt (Seifenleim). Dieser Seifenleim wird dann in eine Form gegossen und dort verseift die Masse zu einem festen Block , wird nach einigen Tagen ausgeformt, geschnitten, ggf. weiter bearbeitet, und reift dann noch mehrere Wochen weiter bis die Seifen fertig verpackt werden.

 

Bei sehr weicher Seife kann der Zeitraum bis zum Ausformen aber durchaus schon mehrere Wochen dauern, die Weiterverarbeitung kann erst viel später stattfinden und die Reifezeit ist auch deutlich verlängert . Das ist für mich schwierig zu planen, die Seifenformen sind viel länger "besetzt" (die brauche ich ja auch noch für andere Seifen), und ich kann auch nie genau sagen, in welchem Zeitrahmen die richtige Festigkeit zur Weiterverarbeitung erreicht ist...für einen übersichtlichen Produktionsplan aller Seifen aus dem Sortiment wäre das etwas problematisch.

 

Jetzt gibt es einige "Stellschrauben", an denen man drehen kann - z.B. die Wassermenge, die Temperatur der Rohstoffe bei der Verarbeitung oder auch die Vorgehensweise beim Mixen.

Die Wassermenge kann man reduzieren, allerdings beschleunigt das den einsetzenden Verseifungsprozess enorm und wenn man Pech hat, hat man schon im Rührgefäß einen festen Klumpen Seife, der sich unmöglich noch in eine Form pressen lässt.

Das gilt genau so für die Temperatur der Rohstoffe bei der Verarbeitung - je wärmer, desto schneller und heftiger setzt der Verseifungsprozess ein. Hier muss man das richtige Mittelmaß finden, es sollen ja auch keine Inhaltsstoffe der Öle durch zuviel Wärme zerstört werden.

Selbst beim Mixen des Seifenleims gibt es Spielraum - normalerweise rührt man ohne Pause, bis die "richtige" Konsistenz (Erfahrungswert) zum Einfüllen in die Formen erreicht ist. Es ist aber auch möglich, zwischendurch längere Pausen beim Rühren zu machen, das beschleunigt ebenfalls die beginnende Verseifung - aber auch hier besteht die Gefahr, dass man den richtigen Zeitpunkt verpasst und die Seife nicht mehr unfallfrei in die Form kommt.

 

Ich habe mit allen Möglichkeiten und Kombinationen experimentiert (also Öl-Zusammensetzung, Wassermenge, Temperatur und Rührtechnik) und bin nach einigen Fehlversuchen zu der für mich optimalen Herangehensweise gekommen - was genau ich mache wird an dieser Stelle natürlich nicht verraten, aber die gewonnenen Erkenntnisse werden mir auch bei der kommenden Sommer-Edition weiterhelfen (Melting Moments war ja vergangenen Sommer doch recht weich, das sollte noch verbesserbar sein).

 

Wie soll die neue Seife aussehen und heißen?

Nachdem die rezepturtechnischen Dinge gelöst sind und auch mein Labor seinen Segen gegeben hat, kommt die Überlegung zur weiteren Ausführung.

Der Trend geht zur Zeit ganz stark zu  Naturseifen ohne Duft und Farbstoffe - das mag ich auch gerne, also passt es hier sehr gut.

 

Um die Seife optisch "aufzuhübschen" soll ein Stempel her (die Stempel sind bei meinen Seifen grundsätzlich abwaschbar).

Traubenkernöl wird (wie der Name schon sagt) aus den Kernen von Weintrauben gewonnen, ein Stempel mit einem Weintrauben/Ranken-Motiv würde toll passen - also habe ich das Internet nach einem passenden Seifenstempel durchforstet, aber nichts gefunden was meinen Vorstellungen entspricht. Selbst ist die Frau, und so habe ich kurzerhand selber eine Vorlage gezeichnet und bei meinem bevorzugten Stempel-Dealer zur Spezialanfertigung eingereicht...was soll ich sagen, das Ergebnis ist toll und diesen Stempel werdet ihr so bei keinem anderen Anbieter finden. 

Bleibt noch ein eingängiger Name....und der stand für mich ganz schnell fest: 

Loreley wird das Schätzchen heißen - die Schönheit am Rhein inmitten von Weinbergen, das passt doch perfekt ;-)

...und wann wird´s diese hoch überfettete Seife geben?

Da die Produktion für´s Wintergeschäft abgeschlossen ist, kann ich in der nächsten Zeit anfangen die ersten großen Chargen anzusetzen (bisher gibt es ja nur kleine Testchargen und vernünftige Fotos sind auch noch nicht vorhanden). Geplant ist der Start für Februar 2019 (wenn alles so funktioniert wie es soll)...und falls ihr das bei diesem ewig langen Text schon wieder vergessen haben solltet:

Sie wird ein fester Bestandteil im Hauptsortiment, wird auch in Mini-Größe produziert und das ganze Jahr über verfügbar sein ;-)